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Die Straßen werden sauberer und die „Garagen“, in denen sich die Läden befinden, vertrauenserweckender. Ich schaffe es sogar, an einem Stand neben einer Tankstelle mit den Mädels Marsala Chai zu trinken, den der Verkäufer frisch in einem alten Kessel zu bereitet hat. Nochmal zur Erinnerung: Alter Kessel bedeutet schwarz und verkrustet, also in einem Zustand, in dem ich zu Hause noch nicht einmal heiße Maronen daraus essen würde. Aber hier geht das. No problem. Der Chai ist wunderbar. Ein alter Mann, dürr, mit ledriger Haut, weiß gekleidet und mit einem weißen Turban, gesellt sich zu uns. Die Kommunikation läuft schleppend. Auch der Kioskverkäufer spricht zu wenig Englisch, um dolmetschen zu können. Schließlich verstehe aber doch, dass der Alte wissen will, wo wir herkommen. Und mein „Dscheermannie“ versteht er dann sofort. Er lächelt, bietet mir einen Stuhl an, spricht ein paar unverständliche Worte und geht seiner Wege. Ich hätte ihn fragen sollen, ob ich ihn fotografieren darf. Aber ich bin einfach immer noch zu überrascht. Mein erster Kontakt mit einem Einheimischen. Für mich etwas Besonderes, bin ich doch eigentlich eher introvertiert. Ich komme also langsam in diesem Land an.
Die Landschaft wird immer „wüster“, das Klima wärmer und trockener und auch der Brandgeruch, der mich seit Delhi verfolgt, ist nicht mehr so aufdringlich. Es liegt hier deutlich weniger Müll herum als in Jaipur und Umgebung. Irritierend sind jedoch die großen Müllhaufen an den Kreuzungen der kleinen Straßen, die in die Dörfer gehen. Aber auch dafür gibt es eine Erklärung. Müllabfuhr so wir sie kennen, gibt es hier nicht. Die Bewohner der Dörfer sammeln ihren Müll und bringen ihn an die Landstraße, wo er dann alle paar Wochen abgeholt wird. Das System scheint in meinen Augen noch nicht ganz ausgereift, aber es ist immerhin ein Anfang. Ich beginne, unsere heimische Müllabfuhr langsam mit anderen Augen zu sehen. Die Landschaft gleitet an mir vorbei. Ich trinke den letzten Schluck Wasser aus meiner Flasche und knülle sie bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Bei mir zu Hause ist das ein absolutes No-Go, wird doch keine so behandelte Flasche in den Pfandautomaten mehr erkannt und man kann sich in langwierigen Verhandlungen mit den Angestellten der Supermärkte wiederfinden, ob die Flasche nun abgenommen wird oder nicht. Hier ist es ein Mittel zum Selbstschutz. Es kommt oft vor, dass Kinder intakte Flaschen mit Leitungswasser auffüllen, den Deckel verkleben und diese dann an Touristen verkaufen. Ich hab, Inder sei Dank, wieder was gelernt.
Bikaner. Wüstenstadt. Das Hotel ist ein Traum. Es ist dem Stil eines Maharadschapalastes nachempfunden und straft den Eintrag im Reiseführer, wonach man hier eher auf äußeren Glanz Wert legen würde, Lügen. Es gibt eine große Auffahrt mit einem Wächter. Und, man höre und staune, funktionsfähiges Internet. Ich richte mich also ein wenig ein, mache mich frisch und schreibe noch schnell eine E-Mail. Ein wenig abgehetzt komme ich in die Eingangshalle, die man entweder über die steile Treppe oder mit dem verglasten Aufzug betritt. Die Wände sind mit floralen Mustern bemalt und zum ersten Mal komme ich mir vor wie in Tausendundeiner Nacht. Draußen vor dem Hotel warten mittlerweile ein paar Pferdekutschen. Ein paar Minuten später sitze ich auch schon in einer drin und wir fahren durch die Stadt. Der Abgasgeruch wird wieder stärker. Mittlerweile hab ich mich aber wohl daran gewöhnt. Es stört mich nicht mehr. Wir stehen im Stau. Kaum zu glauben, aber ich genieße es. Daheim würde ich jetzt fluchen, hier macht es Spaß. Es ist genug Zeit, um sich von der erhöhten Sitzposition in der Kutsche alles in Ruhe anzusehen. Es gibt parkende Autos, parkende Motorräder und parkende Kamele. Das Verkehrsgewühl gleicht einem gordischen Knoten. Mopedfahrer sind deutlich im Vorteil und drängen sich überall durch. Kinder spähen aus den überfüllten Tuc-Tucs und winken. Ich winke zurück. Es ist ein fremdes und zugleich auch ein tolles Gefühl, exotisch zu sein. Trotz des Staus sind die meisten Inder entspannt. Es ist wie es ist – nämlich alles viel relaxter als bei uns. Irgendwann geht es dann weiter voran. Erst langsam, dann schneller. Mittlerweile dämmert es. Wir erreichen das rote Fort und biegen ab. Wir stoppen, um in Ruhe einen Blick auf das Fort zu werfen. In diesem Moment entbrennt vor mir eine wilde Beißerei zwischen drei Hunden. Ich beginne zu begreifen, warum Martin Moseburger die Erzählung seines Aufenthaltes in Bikaner „Stadt der wilden Hunde“ genannt hat. Mir wird auch klar, das U. recht hatte als sie mir sagte: „Natürlich bin ich gegen Tollwut geimpft. Du hast keine Chance mehr, wenn ein Hund einfach auf dich zu rennt und dich beißt!“ Ich wollte es anfangs nicht recht glauben. Verschiedene Ärzte hatten mir zu Hause von einer Tollwutimpfung abgeraten, weil sie so schlecht verträglich sei. „Wenn sie nicht beruflich mit Tieren zu tun haben, brauchen Sie die nicht unbedingt.“ Klar, hab ich gedacht, ich bin ja nicht der Typ der jeden herumstreunenden Hund streicheln muss. Und natürlich hab ich auch einen Hund und ich weiß Körpersprache zu deuten. Hier an der roten Mauer werde ich eines Besseren belehrt. Man braucht nicht viel Eigeninitiative zu zeigen, um zufällig in so eine Beißerei hinein zu geraten. Indien ist weltweit das Land mit den meisten Tollwuterkrankungen. Die Krankheit wird durch streunende Hunde und Vampir-Fledermäuse übertragen. So beschließe ich, mich vor der nächsten Indienreise impfen zu lassen.
Es ist dunkel. Die Temperaturen sind angenehm. Ich sitze im T-Shirt auf der Dachterrasse des Hotels und warte auf mein Essen. Das Hotel ist das höchste Gebäude in der Umgebung und so kann ich über die Flachdächer der schwach beleuchteten Stadt blicken. Hier und da geht ein Feuerwerk hoch. Mir kommt in den Sinn, dass es bis zur pakistanischen Grenze nur rund 150 km sind. Die Militärpräsenz in der Umgebung von Bikaner lässt das kaum vergessen. Ich schaue in die Runde. „So könnte es am Vorabend eines Krieges aussehen“, sage ich, „ die Journalisten warten auf der Hotelterrasse auf den Einschlag der ersten Rakete.“ Die anderen schauen mich in der Erwartung einer Pointe oder eines derben geschmacklosen Witzes an. Ich schaue schweigend zurück. Dann nicken sie nachdenklich. Vor dem Hotel hört man das Stakkato von Knallfröschen.
Es ist Nachmittag und ich hab so gar keine Lust mehr auf Havelis. Klar sind sie schön anzuschauen. Aber sich mit der ganzen Reisegruppe und den anderen Touristen durch die engen Räume und Höfe zu schieben, ist nun nicht mein Fall. Du gehst rein, guckst dich um und gehst wieder raus. Ich hab versucht, draußen zu bleiben und ein wenig Ruhe auf einer Bank zu suchen. Aber vergeblich. Binnen Sekunden war ich umringt von Bettlern, Schuhputzern und Marionettenverkäufern. Da hilft nur noch eines: Immer in Bewegung bleiben. Und natürlich ein heißer Chai. Danach ist mir auch jetzt zumute, als F. aufgeregt in seinem Reiseführer blättert und auf ein Haveli auf der anderen Straßenseite zeigt. Mir schwant böses. „Das ist der Haveli des Premierministers von Jaisalmer“, sagt er. „Den hatte ich mir aus meinem Reiseführer heraus gesucht, weil ich ihn unbedingt sehen wollte.“ Ich denke mir ein langgezogenes Okay, werfe noch einen Blick auf das Rooftop Restaurant gegenüber und verabschiede mich innerlich von meinem Chai. Wir stapfen die Treppen zum Eingang hoch. Auf einem Schild stehen die Öffnungszeiten und der Eintrittspreis von 40 Rupien. F. liest mir noch einmal den Text aus seinem Führer vor und ich verstehe nicht ganz, warum das nun nur etwas für „erfahrene Indienreisende mit viel Zeit“ sein soll. I. u. M. sind auch mit dabei. Und so betreten wir zu viert den geheimnisvollen Haveli.
Im Halbdunkel der Eingangshalle steht ein Mann und kassiert die Eintrittsgelder. F. zahlt für mich mit, weil ich mal wieder kein Kleingeld habe, eine Krankheit in diesem Land. Man schickt uns eine enge Treppe hoch und nachdem ich mir mal wieder den Kopf an dem für mich viel zu kleinen Türsturz gestoßen habe, stehen wir auf einer Dachterrasse. Wir schauen uns um. Nach einiger Zeit kommt der Kassierer von unten hoch, begrüßt uns und fragt, ob wir auch genügend Zeit mitgebracht haben. Sein Englisch mit dem indischen Akzent hört sich genauso gut an wie mein Englisch mit dem deutschen Akzent und wir verstehen uns auf Anhieb. Im Geiste fange ich schon mal an zu Überschlagen, wie viel Trinkgeld am Ende fällig wird und überlege, ob die beiden Frauen in unserer Begleitung vielleicht noch etwas mehr zahlen werden. Das sind Gedanken, die ich mir zu Hause nicht mache. Aber hier in Indien spielt Trinkgeld eine große Rolle. Und mir ist oft nicht ganz klar, wann die Leute nur nett zu einem sein wollen, wenn sie einem etwas zeigen, und wann sie ein Trinkgeld dafür erwarten. Mit der Zeit hab ich jedoch festgestellt, dass man hier, anders als bei uns, mit Geld niemanden beleidigen kann. Das ist ein recht pragmatischer Ansatz, wenn man morgens noch nicht weiß, ob man abends etwas zu essen bekommt. Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, ist unser Führer nun richtig in Fahrt gekommen und erklärt uns neben der Bauweise des Gebäudes auch den Recyclinggedanken, der hier schon vor rund 300 Jahren auf kam.
Die Wasserknappheit in dieser Wüstenregion hat schon immer dazu geführt, dass die Bevölkerung sorgsam mit ihren Ressourcen umgehen musste. Die Frauen beispielsweise duschten nur ein Mal Monat, wenn sie ihre Tage bekamen. Ansonsten wurde der Körpergeruch nur mit Parfüm bzw. hier mit ätherischen Ölen überdeckt. Interessanterweise erfahre ich auch gleich den praktischen Nutzen dieser, für uns heutzutage vielleicht befremdlichen Vorgehensweise. Die Frauen rieben sich zunächst mit einer Mischung aus Sand und Wasser ein. Heute würde man Matsch dazu sagen. Die Masse diente gleichermaßen als Peeling. Geduscht wurde auf einer der oberen Terrassen des Hauses. Das dazu benötigte Wasser kam aus einer Zisterne durch eine steinerne Rinne. Der Sand wusch Dreck und Parfümöl von der Haut und wurde in dem flachen Duschbecken aufgefangen. Das Wasser, das durch den Sand gleichzeitig filtriert wurde, fing man ein Stockwerk tiefer wieder auf, um es zum Putzen zu benutzen. Anschließend diente es noch als Klospülung. Der Sand aus der Dusche, der mittlerweile mit dem herunter gewaschenen Parfümöl versetzt war, wurde in die Latrinen geworfen, was auch dort für einen angenehmen Geruch sorgen sollte.
Ich erfahre auch einiges über den Aufbau des Hauses. Die Balken sind mit Senföl imprägniert, welches brandhemmed wirkt, Schädlinge vertreibt und das Verrotten des Holzes verhindert. Alles scheint in diesem Haus einen Nutzen zu haben. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Decken bestehen aus einer Mischung aus Schlamm, Ghee (indischer Butterschmalz) und Kuhdung. Das isoliert im Winter gegen Kälte und im Sommer gegen die Hitze. Außerdem bietet die Hohldecke einen wirksamen Schutz gegen den Einsturz bei Erdbeben.
Der Perlenpalast wurde im Baukastenprinzip gebaut. Da Mörtel aufgrund des knappen Wassers nicht zur Verfügung stand, wurden die Steine mit einem Nut- und Federsystem ähnlich von Legosteinen zusammengefügt und mit Metallringen arretiert – „Do you know Lego, the toy stones. L-E-G-O?“– „Yes, we know!“
Die steinernen Rosetten der Außenfassade konnten über einen Bajonettverschluss angebracht werden. Einmal im Jahr wurden spezielle Rosetten zu einem Fest angebracht, der dem Haveli den Namen Moti Mahal, Perlenpalast, einbrachte. Das ehrgeizige Unterfangen Premierministers Singh, den Haveli mit einer rund 300 m langen Brücke mit dem Palast des Maharadschas zu verbinden, was jedoch vom Maharadscha selbst unterbunden wurde. Mit der Anweisung, dass kein Haus mehr als neun Stockwerke haben darf, musste der Perlenpalast wieder um 2 Stockwerke, Baukasten sei Dank, zurück gebaut werden.
Die Informationen fließen und mir schwirrt langsam der Kopf. Wir kommen in einen kleinen Raum, in dem man Andenken kaufen kann. Es gibt kleine Tiere aus filigranem Gitterwerk, die duftende Baumwolle aufnehmen, Öllampen in allen Variationen und noch einiges mehr. Die Preise sind nicht übertrieben. Gefeilscht wird nicht. Die Einnahmen dienen zur Erhaltung des Havelis. Spät ist es geworden und draußen geht langsam die Sonne unter. Die Frauen in unserer Begleitung möchten vor dem Essen noch ins Hotel. Alles kein Problem, sagt unser Führer, sein Bruder hätte ein Tuc-Tuc. Und er ruft ihn an und ein paar Minuten später steht dieser auch schon unten. Unsere Führung dauert jetzt mittlerweile schon gute eineinhalb Stunden und ich bin gespannt, wie es weitergeht. Schließlich gibt in diesem Raum noch eine weitere Treppe. Ich denke noch, dass es allzu lang nicht mehr dauern kann, aber ich sollte mich irren.
Wir steigen die Treppe hoch in den Tanzraum. Tanzsaal wäre zwar das schönere Wort, aber dazu ist der Raum zu klein. Dafür ist er über und über mit Spiegeln bestückt und von der Decke hängen bunte gläserne Kugeln. In den Glaskugeln sollen ursprünglich Diamanten für die Lichtbrechung gesorgt haben, so dass in Verbindung mit den vielen Spiegeln an den Wänden und kleinen Öllampen eine Art Maharadscha-Disco entstand. Hier konnte sich der Premierminister entspannen. Im Kreise von Tänzerinnen und Musikern oder auch nur, um dem in dieser Gegend luxuriösen Wasserspiel zu lauschen. Wie auch in unseren Schlössern und Museen kann man den ursprünglichen Zustand nur erahnen. Aber es muss wunderschön gewesen sein. Mit einem freundlichen „Mind your head“ geht es nun eine Treppe hinunter. Ich verbeuge mich gezwungener Maßen in Ehrfurcht und betrete einen Raum, der wohl ehemals auch sehr luxuriös eingerichtet war. Mit acht Spiegeln an den Wänden mit jeweils einem kleinen Becken davor. Das Badezimmer der Frauen. Sieben Plätze für die sieben Frauen des Premiers und ein Platz für die Tänzerin, um sich auf den Abend vor zubereiten. Wieder stehen hier ein paar Souvenirs herum und zwei weiße Monobloc-Stühle. Unser Führer bittet uns, Platz zu nehmen, und beginnt mit einer Verkaufsvorführung für Parfümöle. Ich hatte ja die ganze Zeit geahnt, dass die Sache hier einen Haken hat. Doch zu meiner Überraschung setzt F. sich hin und hört interessiert zu. Ich frag noch mal, ob er auch richtig verstanden hat. Es geht hier um Parfüm. Und nicht nur das, sondern um Öle. Also stark riechende Ursubstanzen. Also nicht das, was Mann so trägt. F. eröffnet mir, dass er noch Mitbringsel für seine Mutter und seine Sekretärinnen braucht. Das ändert die Sache natürlich schlagartig. Zu zweit sitzen wir auf unseren Monobloc-Stühlen und probieren Düfte und Flacons nach Herzenslust aus. Dabei kommen wir dann auch mit unserem Führer ins Gespräch. F. fragt ihn, ob er denn mit dem Premierminister verwand sei. „Ja“, sagt er. Er ist der Ur-, Ur-, Ur-, Ur-Großenkel des Ministers und der Haveli gehöre ihm. Es ist kein leichtes Erbe, denn der Erhalt des Hauses verschlinge viel Geld. Im Schnitt gibt es alle zwei Jahre ein Erdbeben, das den Palast beschädigt. Und mehr als 8 Gruppen pro Tag kann er auch nicht durch die schmalen Räume und Treppenhäuser führen. Große Gruppen schon gar nicht. In diesem Moment kommt seine Frau mit Einkäufen herein. Sie öffnet die hölzernen Balkonläden. Draußen ist es bereits dunkel. Mein Blick fällt auf den Balkon, auf dem die Frau die Einkäufe verstaut, und auf eine Tüte mit Kinderspielzeug. Mir wird bewusst, dass in diesem Museum auch eine Familie wohnt und es ihr zu Hause ist. Als wir wenig später wieder in der Eingangshalle des Hauses sind, liegt der Schwager unseres Führers auf einer Matratze vor einem Fernseher, die Küche ist mit einem Vorhang abgetrennt, von hinten hört man die Kinder. Die ganze Szenerie wirkt ärmlich, von Romantik keine Spur. Jeder sucht hier einfach nach seinem Auskommen und nach seinem Platz im Leben. F. und ich tragen uns noch ins Gästebuch ein und geben das Versprechen, allen Menschen, die wir kennen und die nach Indien fahren, von Moti Mahal, dem Perlenpalast, zu erzählen und sie zu ihm zu schicken.
Es ist spät und ich habe Hunger. Wir müssen uns beeilen, denn wir sind mit den anderen zum Abendessen im Restaurant verabredet. Unsere Führung hat 3 Stunden gedauert.
Die Landschaft, durch die wir fahren, wird zunehmend gelber und staubiger. Die Wüste Tar ist keine reine Sandwüste. Fast überall sieht man grüne Hennasträucher und andere Wüstenpflanzen.
Das Wetter ist angenehm warm, fast ein wenig schwül. Es hat zwischendurch auch immer wieder geregnet. Der Himmel ist bedeckt. Ein helles, diffuses Licht dringt durch den Dunst. Der Dunst ist überhaupt etwas, das uns hier ständig begleitet. Ich hatte eigentlich mehr blauen Himmel erwartet. Auch außerhalb der Städte, in denen der Dunst eher vom Smog der Abgase herrührt, ist der Himmel nur selten zu sehen.
Mitten auf der Landstraße halten wir an. Auf dem Seitenstreifen stehen einige Männer mit ihren Kamelen. Das ist der Auftakt zu unserer Kamelsafari. Unser Gepäck, nur das Nötigste für eine Nacht, wird auf einem Kamelkarren verstaut. Dann setze ich mich in den harten Sattel eines der Tiere. Kamele machen auf mich immer einen etwas unbeholfenen Eindruck, so als wenn sie irgendwann doch über ihre eigenen Füße stolpern. Ich stecke meine Füße in die Steigbügel, beuge mich nach vorne und los geht’s. Im Bruchteil einer Sekunde befinde ich mich in luftigen zwei Metern Höhe. Runter geht es genauso schnell, wenn man sich nicht festhält. Also aufpassen. Ein Kamel ist so ganz anders als ein Elefant, auf dem man faul auf einem Kissen liegen kann. Hier sitzt man auf einem harten Höcker und muss versuchen, das Gleichgewicht zu halten.
Wir reiten los. Und es ist auch ganz anders als auf einem Pferd zu reiten. Das hat mir als Kind schon nicht so viel Spaß gemacht. Kamelreiten ist chillig. Die Tiere bewegen sich langsam und ich habe Zeit, mich dem Rhythmus anzupassen. Nach ein paar hundert Metern durchqueren wir ein Dorf. Die Menschen winken und die Kinder jubeln uns von ihrem Klassenzimmer aus zu. Irgendwie klingt hier alles echter und herzlicher als zu Hause. Jedenfalls nicht so, wie wenn ich eine japanische Touristengruppe durch Stuttgart ziehen sehe. Ich bin dann allenfalls genervt, weil da mitten im Weg eine Menge Menschen fotografierend in der Gegend herum stehen. Hier ist es anders. Für die meisten Menschen hier scheinen wir tatsächlich eine willkommene Abwechslung von ihrem Alltag zu sein. Manche Männer sehen mürrisch drein, wenn ihre Frauen uns zu winken. Und manche Frauen verstecken ihr Gesicht hinter ihrem Schleier.
Nach etwa zwei Stunde zieht unsere Karawane eine Düne hoch und wir haben unser Camp für diese Nacht erreicht. Wieder nach vorne lehnen und abwarten bis der Führer das Kamel zum Abliegen bringt. Absteigen. Taumeln. Der Sand ist weich und gelb. Wenn ich nicht wüsste, dass ich hier in der Wüste bin, könnte ich mir hinter der Düne dort hinten auch das Meer vorstellen. Unsere Zelte stehen sich in zwei Reihen gegenüber und etwas abseits befindet sich ein einfaches Wirtschaftsgebäude. Die Zelte werden verteilt. Danach gibt es Gelegenheit sich zu waschen. Die Toiletten befinden sich übrigens in kleinen schmalen Zelten, in etwa so aussehen wie Umkleidekabinen. In diesen Zelten befindet sich nun ein Klapphocker mit einer Toilettenbrille statt einer Sitzfläche. Unter dem Hocker befindet sich ein einfaches Loch im Sand. Man verrichtet sein Geschäft und scharrt danach einfach etwas Sand mit dem Fuß in das Loch. Fertig. Eine einfache und geniale Vorrichtung. Allerdings sollte man sich hüten, die Beine des Hockers zu nahe an den Rand der Grube zu bringen. Wenn man genug Gewicht auf die Waage bringt, besteht die Gefahr, dass der Hocker langsam aber unerbittlich in dem Loch versinkt. Und wer will sich schon gern aus so einer Lage von seinen Mitreisenden befreien lassen!? Bis zum Essen ist noch Zeit und ich spaziere mit einigen anderen auf den Dünen umher. Ich berühre einen Busch und habe dann nur noch Schmerzen. Ich sehe an meinem Bein herunter und stelle fest, dass auf sich auf meiner Hose dutzende gelber Kletten verhakt haben. Wie Stecknadeln stechen sie durch die dünne Hose in mein Bein. Nach dem Schrecken weicht auch der Schmerz. Zu dritt verbringen wir die nächsten 20 Minuten damit die Kletten aus meiner Hose zu puhlen. Als die Dämmerung beginnt, kehren wir um.
In der Mitte vom Camp steht eine lange Reihe von Tischen und Bänken. Die Kerzen liefern ein warmes Licht. Unsere Köche haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Das Essen steht dem aus den Hotels oder den Restaurants, in denen wir bisher gegessen haben, in nichts nach. Es gibt Naan und Reis, Dahl, verschiedene Currys, duftige Rosenkugeln und noch einiges mehr. B. erzählt mir von ihrem letzten Ausflug in die Wüste Tar. Das Camp sei damals mit einer Mauer umfriedet gewesen und man konnte nicht hinaus gehen. Außerdem waren alle schon um acht in ihren Zelten, weil es so kalt war. Heute Nacht ist es aber anders, wir sitzen im T-Shirt in dieser schwül warmen Nacht an einer großen Tafel mitten in der Wüste. Wir erzählen, lachen, trinken. Diese Nacht ist magisch. Dazu trägt wohl auch der Rum bei, der die Runde über die Tische macht. Rum. Regular Universal Medicin. Reine Medizin. So sagt man hier, in einem Land, in eigentlich keiner Alkohol trinkt, da es in fast jeder der hier ansässigen Religion verpönt ist.
Es ist weit nach Mitternacht, als ich in mein Zelt krieche. Obwohl es warm ist, bin ich froh meinen eigenen Schlafsack dabei zu haben. Die Decken dienen mir so als Unterlage auf dem harten Boden. Ich hasse es, auf Sandboden zu zelten, verfluche denjenigen, der mein Zelt in einer Senke aufgebaut hat und wünsche mir meine selbstaufblasbare Isomatte mit lebenslanger Garantie eines namhaften amerikanischen Herstellers herbei. Die war leider zu sperrig für das Gepäck. Natürlich habe ich meine Taschenlampe in meiner Tasche im Bus liegen lassen und so sehe ich im Zelt auch so gut wie nichts. Ich wälze mich hin und her auf der Suche nach einer bequemeren Schlafposition. „Ich hab einen Skorpion gesehen!“ höre ich Stimmen von draußen. „Ja, ich habe ihn auch gesehen“, sagt eine andere und die dritte schließlich: „Macht eure Zelte gut zu!“ Die Stimmen sind allesamt weiblich und ihre Zelte liegen direkt neben meinem. Ein Anflug von Panik kriecht langsam in mein Bewusstsein hoch. Prima! Genau das was ich brauche, einen Skorpion. Meine Taschenlampe ist im Bus. Das Zelt ist offen. Ich beschließe mich zu beruhigen und mir die Dokumentation über Skorpione, die ich letztens im Fernsehen gesehen habe, wieder in Erinnerung zu rufen. Danach sind die Tiere gar nicht so giftig und die mit tödlichem Gift auch eher selten. Da ich ohne Lampe sowieso nichts sehe, lasse ich das Zelt einfach offen. Sollte ein Skorpion in meinem Zelt sein, hat dann wenigstens Gelegenheit sich wieder in die Wüste zurück zu ziehen. Hoffe ich wenigstens. Dann schlafe ich ein.
Mir war klar, dass diese Reise für mich auch eine Reise ins Ich werden würde. Schließlich sind Tempel auch Kraftplätze, an denen immer ein Teil eines Menschen, ein Teil seiner Aura, seiner Energie, zurück bleibt. Ich war also gespannt, was ich dort erleben würde.
Jaipur. Gleich an unserem ersten Abend stand ein Hindutempel auf dem Programm. Ich glaube, das war zum Aufwärmen. Es dämmert schon als wir dort ankommen. Der Tempel besteht aus weißem Marmor und ist in traditioneller Bauweise gebaut, aber neueren Datums. Und nun kommt gleich mein erster Lernschritt: Schuhe ausziehen. Socken gehen (meistens), Schuhe nicht. Wir ziehen also alle unsere Schuhe aus und geben sie an dem kleinen Holzhäuschen neben dem Tempel ab. Türkisch Airlines hat mir glücklicherweise auf dem Hinflug, neben einer Schlafbrille, auch ein paar Tempelsocken gesponsert. Die kann ich jetzt über meine Tennissocken ziehen. Nun geht es durch eine Sicherheitsschleuse. Und ich stehe auf dem weißen, sauberen Marmorboden direkt vor dem Tempel. Fotografieren ist von außen erlaubt, im Inneren jedoch verboten. Religion wird hier viel mehr gelebt als bei uns. Die Menschen gehen in den Tempel, um zu beten oder zu bitten, aber sie tun es aus freien Stücken und nicht unbedingt, weil es für sie eine gesellschaftliche Pflicht ist. Hier sind viel mehr Kinder und junge Leute unterwegs oder auch Paare, die vielleicht heiraten wollen. Alles scheint hier authentischer zu sein als zuhause. Die Leute sind auch viel fröhlicher, wenn sie einen Tempel aufsuchen. Nicht so feierlich wie bei uns. Man könnte auch sagen, sie sind positiver, während ich unseren Kirchen immer das Gefühl habe, vom Leid umgeben zu sein. In Indien wird mit dem Glauben sehr viel pragmatischer umgegangen. Jeder bittet zuerst für sich selbst, dann für seine Familie und es dreht sich in erster Linie um Gesundheit und Wohlstand. Das unterscheidet uns auch grundsätzlich. Gönnen wir uns doch den Luxus, nicht nur für unsere Bedürfnisse zu beten, sondern auch für unseren Nächsten oder gar für den Weltfrieden oder den Umweltschutz. Oder wir gehen eben nur in die Kirche, wenn es uns wirklich schlecht geht und wir keinen Ausweg mehr sehen.
In der Nähe von Bikaner. Als nächstes haben wir einen Tempel besucht, für den ich mich nun wirklich interessiert habe und den ich unbedingt sehen wollte. Weil – ja, ich gebe es zu – das Wort „Rattentempel“ mich neugierig gemacht hat. War doch im Reiseführer von tausenden Ratten die Rede, die einem über die Füße laufen. Welch ein Abenteuer! Als wir am Karni Mata Tempel ankommen, sieht alles ein bisschen nach Jahrmarkt aus. Um den Tempel herum sind kleine Stände gruppiert, an denen es allerlei zu essen gibt. Von gebacken Chilis, die mörderisch scharf sind, bis hin zu frischem Zuckerrohr, das ich nicht probiert habe. Der Tempel selbst ist ein rechteckiger roter Bau, der recht unspektakulär aussieht. Es folgt das übliche Prozedere: Schuhe ausziehen und abgeben, Tempelsocken anziehen. Dann geht es durch die obligatorische Sicherheitskontrolle hinein in das Herz des Tempels. Leder muss übrigens, nicht nur hier sondern auch in verschiedenen anderen Tempeln, ebenfalls draußen bleiben. Ein Kunststoffgürtel leistet da gute Dienste. Im Innern des Tempels blieb dann die Euphorie aus. Statt der Tausenden von Ratten, die einem über die Füße laufen und bei denen man immer eine Weiße sucht, die nun besonders viel Glück bringt, sehe ich nur so maximal 50 oder 60 von den Nagern. Sie sind auch nur an den Futterplätzen, friedlich Milch trinkend oder in den Metallgittern vor sich hin dösend. Im Gegensatz zu den Ratten, die ich von zu Hause her kenne, sind diese eher als niedlich einzustufen. Mehr wie große Mäuse und in keiner Weise aggressiv oder gar gefährlich. Schlimmer ist hingegen der beißende Geruch nach Rattendreck, der mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Für mich persönlich war der Besuch des Tempels dann eher auch skurril als eine spirituelle Erfahrung. Aber mag natürlich jeder sehen, wie er will.