Schnellsuche


Dezember 2014

Authentisches Marokko

Ein Reisebericht von  Joachim Trageser

Auf eine sehr persönliche Weise berichtet Joachim Trageser von seinen Erlebnissen in Marokko: Dabei hat ihn sein Reiseleiter Khalid genauso beeindruckt, wie das einfache Leben der Berber.

Die Bedeutendste meiner Reisen im letzten Jahr war eine Erlebnisreise durch Marokko, von der ich hier etwas ausführlicher berichten möchte, denn sie war in vieler Hinsicht außergewöhnlich. Wir hatten uns, mit einigen Bauchschmerzen, für eine Erlebnisreise durch dieses Land entschlossen: Erlebnisreise meint, dass wir nicht nur die touristischen Orte der vier Königsstädte mit ihren prächtigen Bauten, Innengärten und Hammam, ihren Medinen und Souika besichtigten, sondern auch die Karst- und Wüstengebiete, die einsamen Regionen des Mittleren und Hohen Atlas, die Karawansereien, Kasbahs und Ksar mit ärmlichen, für uns als Wohnstatt kaum vorstellbaren Dörfern und Zeltstädten. Davon wollte ich hier nicht weiter berichten, denn Details dazu kann man in Reiseführern sattsam nachlesen, nein, sprechen möchte ich hier von Begegnungen, von denen ich eine als außergewöhnlich bezeichnen möchte.

Am Flughafen von Casablanca wurden wir von zwei Berbern in einem VW-Kleinbus abgeholt. Wir dachten zunächst, sie würden uns nur zum Hotel oder zur restlichen Gruppe bringen – wir waren als einzige von Zürich angereist. Einer der beiden stellte sich als Khalid Sadek vor, und sagte, dass er unser Reiseleiter und der andere, Mustafa, unser Fahrer sei und die restliche Gruppe uns schon erwartete.

Unsere Reise ging zunächst nach Rabat und danach nach Meknès, Volubilis und Fès und schließlich durch den Mittleren Atlas zum Wüstenort Merzouga am Rande des Erg Chebbi. Unser Reiseleiter war Berber, aufgewachsen in einem Berberdorf des Hohen Atlas. Es waren weniger die Erläuterungen, die er in ganz klarer und schlichter Weise vortrug, sondern vielmehr die Art und Weise, wie er uns durch diese Städte und Landschaften führte, die uns beeindruckte. Weniger die Prachtbauten der vier Königsstädte zeigte er uns mit großer Begeisterung, das überließ er gerne den speziellen Reiseführern vor Ort. Nein, er machte uns auf die Märkte, Gerbereien, Medresen, Karawansereien und Handwerksstraßen aufmerksam. Uns beiden fiel schon auf, wie sehr vor allem Khalid sich von früheren Reiseleitern unterschied. Er zeigte sich ganz unprätentiös, betonte nicht seine einzigartigen Qualitäten, wie wir es früher öfter erlebten. Beide, auch unser Fahrer Mustafa, bewiesen eine aufrichtige Toleranz und viel Geduld bei Fragen und Anliegen der Mitreisenden. Sie waren tief religiös, lebten ihre Religiosität ganz selbstverständlich, beteten am Straßenrand unauffällig, zeigten aber keinerlei missionarischen Eifer. Vor allem Khalids Haltung drückte eine franziskanische Schlichtheit und Sanftheit gegenüber den Menschen, Tieren und der Landschaft aus, die von einem tiefen Verständnis, einer anteilnehmenden Achtung für dieses Leben dort zeugte.

Nach unserem Dromedar-Ritt durch die Sandwüste des Erg Chebbi (zweieinhalb Stunden zum Camp mit Übernachtung und die gleiche Zeit wieder zurück, mein Hintern war nach dem zweiten Ritt völlig blau, beim Absteigen fiel ich noch zu allem Übel von meinem Dromedar, als es sich plötzlich wieder aufrichtete) begann für mich der noch interessantere Teil der Reise entlang und über den Hohen Atlas. Sicher, die herrliche Sanddünenlandschaft des Erg Chebbi und der Ritt auf den Dromedaren waren beeindruckende Erlebnisse, aber auf diesen Wegstrecken nun begegneten wir erst richtig dem authentischen Leben der Menschen dort: Sei es die Tasse Tee in einem Zelt am Straßenrand, mit allen möglichen Gerätschaften von unglaublicher Primitivität am Eingang, wo uns eine alte Frau empfing, sei es ein Ksar (befestigtes Burgdorf ohne Strom und Wasser, aus Lehm) mit seinen verschachtelten Gassen, einer Wohnung mit engen Kammern (Zimmer wäre euphemistisch), einer alten Küche ohne Fenster und Abzug, und als „neueste“ Errungenschaft, eine „neue Küche“ – bei uns gab es so was vielleicht vor etwa 200 Jahren – mit einem Gehege für Haustiere: Ziegen, Hühner! Ohne die Tiere könnten die Menschen in diesen Gegenden nicht leben, betonte Khalid immer wieder. Für ihn schien dieses Leben dort ganz selbstverständlich und die Menschen spürten diese akzeptierende Haltung. Überhaupt machten sie überwiegend einen frohen, eher unbekümmerten Eindruck, trotz ihrer Armut. Wie hart dieses Leben, in den karstigen Ebenen und vor allem dem Hohen Atlas ist, davon können wir uns kaum eine Vorstellung machen. Khalid führte uns sehr lebenspraktisch die Alltagsbedingungen dieser Berber vor Augen. Er war überall bekannt, begrüßte die Menschen und steckte da und dort jemandem einen Bakschisch zu, hob leichtfertig weggeworfenen Müll auf, meinte aber zu uns Teilnehmern der Reisegruppe, wir sollten nicht zu selbstverständlich in den Scharen von Kindern Wohltaten verteilen – denn dann gingen sie nicht mehr zur Schule, sondern verlegten sich aufs Betteln. Gleichzeitig musste er zugestehen, dass Schulen in vielen Gegenden fehlten oder da, wo es sie gab, die Kinder eine bis zwei Stunden zur Schule hin und die gleiche Zeit zurück laufen mussten. Er beklagte die soziale Kluft, die sich zwischen den überwiegend ländlichen Berbern und den wohlhabenderen Arabern der städtischen Regionen auftue. Überhaupt die Kluft zwischen Armen und Reichen! Dafür hatte er kein Verständnis, ohne allerdings in revolutionäre Thesen zu verfallen. Inschallah, wie Gott will! Ein solcher Gleichmut ohne Gleichgültigkeit kann offenbar soziale Missstände sehen, sie ertragen, ihnen wohltätig begegnen, ohne ihnen gegenüber unbeteiligt zu bleiben.

Angesichts unserer heutigen Ausrichtung auf technisches Vermögen, auf das Machen-Können und persönliches Wohlergehen verlieren wir den Blick auf das Gemeinwohl, um mit J.J. Rousseau zu sprechen, und sehen als unser erstrebenswertes gesellschaftliches Ziel ein Gesamtwohl als Summe allen individuellen Glücks an. Khalid schien mir verstanden zu haben, dass Wissen, Intelligenz und individuelle Kompetenz zwar einen gebildeten Menschen ausmachen können, aber noch lange keinen Weisen. Seine Weisheit hatte er nicht aus Büchern sondern von der offenen Begegnung mit seinem Land, das er trotz und vielleicht gerade wegen seiner abgründigen Widersprüche liebte.

Jetzt Reisegutschein gewinnen!

Machen Sie mit und lassen Sie uns alle an Ihrer WORLD INSIGHT-Tour teilhaben!
Reiseberichte von unseren Kunden geben einen echten Einblick in das, was Sie auf unseren Reisen erwartet. Mit Fotos untermalt wirkt der Bericht noch lebendiger.

Die schönsten Berichte stellen wir z.B. auf unserer Website vor und drucken Auszüge in unseren Katalogen ab. Die besten Artikel belohnen wir mit wertvollen Reisegutscheinen von € 100,-.

Fassen Sie dazu die Highlights Ihrer WORLD INSIGHT-Reise auf ca. 2-3 Seiten zusammen und schicken Sie diese zusammen mit Ihren vielen tollen Bildern in Originalauflösung an: reiseberichte(at)world-insight.de

Wir freuen uns auf Ihr Reiseerlebnis mit WORLD INSIGHT!